Der LSR setzt sich dafür ein, dass
Schüler:innen Sachsens möglichst gut ihre Potenziale entfalten können. Dazu ist eine umfassende, funktionierende Begabungsförderung in der Schule notwendig. Außerdem setzt er sich dafür ein, dass (hoch-)begabte Schüler:innen in ihrer Entwicklung durch die Schule unterstützt und nicht gebremst, behindert oder im schlimmsten Fall negativ beeinflusst werden.
0. Übersicht aller Forderungen
Hier werden einmal alle Forderungen zur besseren Übersicht in Kurzform aufgeführt. Weiter unten werden diese dann eingeordnet und weiter erläutert. Die entsprechenden Stellen mit Kontext lassen sich aus der Nummer in Klammern am Ende der jeweiligen Forderung ableiten:
- Längeres gemeinsames Lernen und Gemeinschaftsschulen sieht der LSR für eine Begabungsgerechtigkeit als die beste langfristige Lösung an (2)
- SOL ist für (Hoch-)Begabte von Vorteil und muss gefördert werden (2)
- fächerübergreifender Unterricht soll ausgebaut und etabliert werden (2)
- Noten sollen auch für ein besseres Umfeld für Begabte abgeschafft werden (2)
- Maßnahmen, die Schüler:innen als Individuen wahrnehmen können, sollen künftig in den Fokus gesetzt werden (2)
- Das SMK Staa soll eine flächendeckende Aufklärung zum Thema Begabung und den in 3. aufgeführten Problemen derselben veranlassen. (3.1)
- Begabte Schüler:innen müssen vor Langeweile und Unterforderung geschützt werden, so soll ihnen künftig passende Maßnahmen der Begabungsförderung von Lehrkräften angeboten werden. (3.2)
- Begabungsförderung soll ins Lehramtsstudium eingebunden werden. Das SMK soll dafür die Inhalte erarbeiten. (4)
- Lehrkräfte müssen über Begabung aufgeklärt werden. Dafür soll das bestehende Angebot an Fortbildungen ausgebaut und genutzt werden. (4)
- Die bestehenden Beratungsstellen des LaSuB sollen erhalten bleiben und ausgebaut werden. So soll es Fachberater:innen für jeden sächsischen Landkreis sowie Beratungsstellen (mit ermöglichter Diagnostik) in allen Standorten des LaSuB geben. (5)
- Lehrkräfte müssen gezielt nach Begabung (speziell innerhalb marginalisierter Gruppen) Ausschau halten und Eltern zu den Stellen des LaSuB weiterleiten. (6.1)
- Lehrkräfte sollen dazu befähigt werden Verdachtsförderung durchzuführen und dies tun. (4, 6.2)
- Begabungsförderung soll sich künftig weniger auf kompetitive Bereiche fokussieren. (6.2)
- Das Drehtürmodell soll ausgebaut und unterstützt werden. Dafür sollen die Fachberater:innen ein Netzwerk an außerschulischen Organisationen/Institutionen aufbauen. (7, 5)
1. Grundsätzliches
Begabungsförderung muss immer als Teil von Gerechtigkeit gesehen werden. Bildungsgerechtigkeit darf also nicht nur Defizitorientierung heißen und Begabungsförderung nicht als „Elitenförderung“ angesehen werden. So ist sie (in verschiedenen Maßen) für alle Schüler:innen sinnvoll und notwendig. Jede:r hat individuelle Stärken, die entsprechend gefördert werden müssen! Hochbegabte haben aufgrund ihres besonderen Maß an Begabung einen höheren Bedarf an Förder-/Forderung und sind stärker von Unterforderung gefährdet. Die psychische Belastung der Kinder/Jugendlichen, die dadurch entsteht, muss künftig anerkannt und bekämpft werden. Hochbegabte werden zudem oft in ihrer Entwicklung vor besondere soziale Herausforderungen gestellt – die Schule muss sie bei der Bewältigung dieser unterstützen.
2. Maßnahmen der Bildungs-/Chancengerechtigkeit für die Begabungsförderung
Folgende Punkte der Forderungen aus dem Bereich der Bildungsgerechtigkeit sieht der LSR von nun an auch im Kontext der Begabungsförderung als positiv und notwendig an:
- Längeres gemeinsames Lernen und Gemeinschaftsschulen: Da die Selektion von Schüler:innen automatisch zu einer stärkeren Defizitorientierung führt, führt weniger Selektion zu einer Verbesserung der Umstände für (hoch-)begabte Schüler:innen. So würde man sich bspw. in der 4. Klasse nicht mehr auf das Erreichen der Gymnasialempfehlung konzentrieren müssen, wobei oftmals Schüler:innen, die ohne Hilfe einen solchen Schnitt erreichen, herunterfallen können. Zudem hilft das gemeinsame Lernen (hoch-)begabten Schüler:innen besser ihre Stärken zu erkennen und diese ggf. für die Gemeinschaft zu nutzen. Diese Maßnahme muss aber insgesamt langfristig gesehen werden. Für (hoch-)begabte Schüler:innen ist eine starke Heterogenität bezüglich intellektueller Begabung oftmals von Nachteil, da sie dabei oft herunter fallen. So ist es mittelfristig notwendig verschiedene Angebote zu haben, für manche Kinder/Jugendliche ist eine Selektion noch notwendig. Gleichzeitig sind Gemeinschaftsschulen für (hoch-)begabte Schüler:innen marginalisierter Gruppen auch momentan schon essenziell.
- freierer, selbstständigerer Unterricht/Selbstorganisiertes Lernen: Die größere Selbstständigkeit ermöglicht (hoch-)begabten Schüler:innen individueller, also schneller oder tiefer, zu lernen.
- fächerübergreifender Unterricht: Fächerübergreifender Unterricht ermöglicht eine komplexere Betrachtung eines Themas. alternative Formen der Leistungsbewertung, keine Noten: Abgesehen von den generellen positiven Wirkungen, kann eine andere Form der Leistungsbewertung dazu beitragen, ein weniger kompetitives und so begabungsfreundlicheres sowie für (hoch-)begabte Schüler:innen sozial angenehmeres Umfeld zu schaffen.
- Generell sind alle Maßnahmen, die Schüler:innen als Individuum in den Mittelpunkt rücken, für (hoch-)begabte Schüler:innen von Vorteil.
3. Psychische Belastung (hoch-)begabter Schüler:innen
Hier muss angeführt werden, dass eine Hochbegabung keineswegs mit einer generellen negativen Entwicklung einhergeht. Dies ist wissenschaftlich mehrfach widerlegt. So distanziert sich der LSR von der Disharmoniehypothese. Trotzdem sieht der LSR leider in der Schule Gefahren, die speziell (hoch-)begabte Schüler:innen betreffen. Mit diesen muss sich künftig auseinandergesetzt werden.
3.1 Sozialer Aspekt
Durch Noten und Leistungsdruck entsteht in der Schule oft ein Umfeld, indem (Hoch-)Begabung als nur unfair angesehen werden kann. Das kann dazu führen, dass (hoch-)begabte Schüler:innen keine Anerkennung für besondere Leistungen erfahren und Schüler:innen mit besonderer Begabung von Ausschluss durch andere gefährdet sind.
(Hoch-)begabte können verstärkt vom Halo-Effekt betroffen sein, bei der ihre Begabung ihre anderen Charakterzüge überschattet. Diese Phänomene können dazu führen, dass (hoch-)begabte Kinder in eine Überanpassung rutschen und so keine Reflexion ihres „wahren Ichs“ erfahren; sie nur schwer bzw. wenig Kontakt mit Gleichaltrigen haben oder (stark) einsam sind.
In diesen Fällen liegt ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen vor. Um (Hoch-)Begabte Schüler:innen davor zu schützen, muss die Schule aktiv werden. Einerseits muss der Leistungsdruck verringert und dafür Noten abgeschafft (s. Beschlusslage) werden.
Andererseits muss es in der Schule Aufklärung geben, die sich mit dem Thema Begabung und seinen verschiedenen Fassetten auseinandersetzt. Dabei soll auch mit der immer noch weitverbreiteten Disharmoniehypothese aufgeräumt werden. Das SMK soll hierzu ein Konzept ausarbeiten und die Ausführung an allen Schulen Sachsens veranlassen. Zudem müssen Lehrkräfte weitergebildet werden (s. 4.).
So soll ein Umfeld geschaffen werden, indem Begabung nicht nur als etwas unfaires gesehen wird und (hoch-)begabten Kindern mehr Verständnis für besondere Probleme, die mit ihrer Begabung einhergehen, entgegengebracht wird bzw. lässt sogar einige auf ein Minimum sinken.
3.2 Langeweile
(Hoch-)Begabte Schüler:innen sind oft stark von Unterforderung und (gefühlter) Sinnlosigkeit in der Schule betroffen. Dadurch entsteht eine starke Langeweile, die sich negativ auf die Lernerfolge, die Konzentrationsfähigkeit und die Motivation der Betroffenen auswirkt und zu einem generellen Unwohlsein in der Schule führen kann. Sie stellt also eine psychische Belastung und eine Behinderung des Lernerfolgs für (hoch-)begabte Schüler:innen da. Hierbei muss als Lösung individualisierter Unterricht (s. Beschlusslage) und passende Maßnahmen der Begabungsförderung durchgeführt werden. Binnendifferenzierung muss wirklich gelebt werden!
4. Qualifizierung von Lehrkräften
Um eine effektive und funktionierende Begabungsförderung zu ermöglichen, müssen Lehrkräfte dazu befähigt werden, Maßnahmen dieser durchzuführen.
So soll der Themenkomplex Begabungsförderung künftig ins Lehramtsstudium und Referendariat eingebunden werden. Dies soll in der Verantwortung des SMK liegen, welches dafür die zu erlernenden Inhalte in einem Papier zusammenfasst. Es soll einen Katalog an Maßnahmen der Begabungsförderung enthalten sowie grundlegende Kompetenzen aufführen. Diese müssen so gewählt werden, dass Lehrkräfte professionell Verdachtsförderung durchführen und mit Begabung umgehen können. Sie müssen in der Lage sein, adäquate Maßnahmen für (unterforderte) (hoch-)begabte Schüler:innen auszuwählen und diese anzuwenden.
Zudem muss eine generelle Aufklärung zum Thema Begabung eingebunden werden. Hierbei soll das Thema aus verschiedenen Blickpunkten beleuchtet und ein besonderer Fokus auf die Sensibilisierung bezüglich Begabungen von Menschen aus marginalisierten Gruppen liegen (s. 6.). Hierfür ist es essenziell in Anbetracht der Komplexität einer Überarbeitung des Lehramtstudiums zusätzlich das Angebot an Fortbildungen auszubauen und diese zu bewerben (s.5). Der LSR sieht hier das LaSub in Verantwortung und begrüßt die Zusammenarbeit mit freien Trägern. Außerdem müssen Lehrkräfte über die Angebote der Beratung des LaSubs (s. 5.) informiert werden, damit sie diese nutzen sowie an Eltern und Schüler:innen weiterempfehlen.
5. Beratung und Unterstützung durch offizielle Stellen
Der LSR betrachtet die Unterstützung (hoch-)begabter Schüler:innen durch offizielle Stellen des Land Sachsens für eine sozial gerechte Förderung als essenziell.
Er sieht die bestehenden Angebote des LaSuB, Fachberater:innen für Begabungs- und Begabtenförderung, die Fortbildungen zum Thema Begabungs- und Begabtenförderung sowie die Beratungsstelle zur Begabtenförderung als wichtig und positiv an, diese müssen erhalten und ausgebaut werden.
So soll es künftig nicht nur Fachberater:innen für die verschiedenen Standorte des LaSuB geben, sondern jeweils eine:n pro Landkreis. Zudem sollen an den bestehenden Standorten des LaSuBweitere Beratungsstellen gegründet werden. Diese sind vor allen Dingen im Kontext der dort ermöglichten kostenlosen Diagnostik als wichtig zu betrachten.
Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Beratung möglichst niedrigschwellig anzusetzen. Fachberater:innen sollen zudem von nun an ein Netzwerk außerschulischer Organisationen/Institutionen für das Drehtürmodell aufbauen. (s. 7.)
6. Begabungsförderung marginalisierter Gruppen
Um Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, ist eine bestehende Begabungsgerechtigkeit vonnöten. Um diese wiederum zu erreichen, müssen zuallererst bestehende diskriminierende Phänomene unserer Gesellschaft und im Bildungssystem gesehen und anerkannt werden.
6.1 Erkennen von (Hoch-)Begabung
Durch verschiedene in unserer Gesellschaft herrschende Vorurteile und andere diskriminierenden Phänomenen werden Menschen marginalisierter Gruppen oftmals keinebesondere intellektuelle Intelligenz zugesprochen. Namentlich zum Beispiel Frauen und Mädchen oder Menschen mit Migrationshintergrund. So lässt sich auch im Feld der als hochbegabt diagnostizierten Menschen eine deutliche Überrepräsentation von Menschen aus bildungsnahen Haushalten sowie vor allen im mathematischen Bereich an Männern und Jungen beobachten. Gegen diese gesellschaftliche Ungerechtigkeit muss Schule und das Bildungssystems Sachsens gezielt vorgehen.
Lehrkräfte müssen geschult werden, ihre eigene Wahrnehmung bezüglich Begabung zu schärfen und zu hinterfragen. (s. 4. Absatz 3 und 4) Sie müssen Eltern dazu anregen, die Diagnostik der Beratungsstelle des LaSuB (s. 5.) in Anspruch zu nehmen.
6.2 Leben von (Hoch-)Begabung
Auch hier werden Menschen marginalisierter Gruppen von Vorurteilen sowie Stereotypischen Vorstellungen behindert. So müssen Lehrkräfte geschult werden, um Kinder und Jugendliche aller Gruppen zu helfen, Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu haben und sich so an Herausforderungen zu trauen. So sollen sie künftig auch in der Lage sein, Verdachtsförderung durchzuführen. Dabei geht es darum, dass Lehrkräfte die betreffenden Schüler:innen, bei denen sie eine Begabung (bspw. auch nur in einem bestimmtem Fach) vermuten/beobachten, an schwerere Aufgaben heranführen und zu mehr ermutigen.
Außerdem darf Begabungsförderung in Zukunft nicht mehr so stark kompetitiv gedacht werden (momentan läuft zu viel nur über Wettbewerbe, es müssen andere Räume geschaffen werden). Damit schreckt man oftmals Mädchen, aufgrund ihrer Sozialisierung, ab und spricht nur ein Publikum an, dass aus Kindern/jugendlichen besteht, die Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben.
7. Sonstiges
Das Drehtürmodell (In bestimmten Zeitabschnitten nehmen Schüler:innen nicht am regulären Unterricht teil und machen dafür etwas forderndes, sei es bspw. innerschulisch die Teilnahme an einem Fach in einer höheren Stufe oder außerschulisch die Weiterbildung bei verschiedensten Institutionen) soll Schüler:innen zwingend in einem angebrachten Rahmen ermöglicht werden, wenn diese das wünschen. Dies muss in der Unterrichtsplanung berücksichtigt werden. Außerdem sollen die Fachberaterinnen des LaSuB künftig gemeinsam ein Netzwerk zur außerschulischen Weiterbildung durch das Drehtürmodell aufbauen. Erstrebenswert ist ein breites Angebot aus verschiedenen Interessenbereichen (Naturwissenschaften, Sprachen, Musik, …) (s. 4.)
Ergänzungsbestimmungen
Folgende Beschlüsse werden ergänzt: 57-04, 58-01, 58-03
